In vielen Innenstädten zeigt sich das gleiche Bild: Wertvoller Raum steht leer, während Kreative und Initiativen nach Platz suchen. Wer die Dresdner Markthalle kennt, hat sich vielleicht schon oft gefragt, warum ein so schöner, zentraler Ort stellenweise so verschlafen wirkt. Dass in der historischen Architektur noch viel mehr Potenzial steckt, beweist jetzt ein neues Reallabor: Seit Mai 2026 verwandelt die Agentur neuerdings mit dem Projekt „Die Malle – eine Halle für alle“ eine Großfläche im Obergeschoss in ein lebendiges Experimentierfeld für urbane Raumnutzung.
Vom Stillstand zum lebendigen Treffpunkt
Wo zuvor rund 3.000 Quadratmeter im ersten Obergeschoss der geschichtsträchtigen Markthalle ungenutzt blieben, hat das Team in Kooperation mit dem Eigentümer eine Teilfläche von etwa 700 Quadratmetern erschlossen. Bis Ende September 2026 entsteht hier ein sogenanntes Reallabor – ein Raum, in dem neue Ideen für die Stadtgesellschaft direkt in der Praxis ausprobiert und weiterentwickelt werden können. Der Zugang ist dabei bewusst niedrigschwellig gehalten, um wirklich alle Dresdnerinnen und Dresdner anzusprechen.
Das Fundament für das heutige Projekt wurde bereits im April 2025 bei einem gemeinsamen Workshop mit Akteuren aus Stadtentwicklung, Kultur und Zivilgesellschaft gelegt. Das Team von neuerdings versteht ungenutzte Flächen grundsätzlich nicht als Problem, sondern als Chance. Ihnen geht es nicht bloß um eine kurze, temporäre Bespielung, sondern darum, Netzwerke aufzubauen und langfristige Perspektiven für Orte zu entwickeln, die sonst in Vergessenheit geraten würden.

Ein Programm, das Generationen und Disziplinen verbindet
Wie vielseitig dieser Ansatz zur Zwischennutzung ist, zeigt ein Blick in das aktuelle Programm. Die „Malle“ verknüpft ganz unterschiedliche Perspektiven aus Wissenschaft, Design und sozialem Leben. So bringt die TU Dresden wissenschaftliche Ansätze über den Wandel von Konsum- und Freizeiträumen direkt in die Halle, während die Vortragsreihe „Spannweiten“ den Dialog zwischen Hochschule und Bürgern sucht. Im Rahmen der Dresden Design Days wird es mit den „Belleroom Designtalks“ diskursiv, und beim Möbelbau-Workshop des Projekts „machen&erleben“ können die Besucher selbst praktisch aktiv werden. Das Slow Fashion Festival wird im September lokalen Mode- und TextildesignerInnen eine Plattform bieten. Vielfältige Workshops und Kurse laden die kommenden Wochen zum Mitmachen ein.
Besonders wichtig ist den MacherInnen der soziale Austausch über Generationengrenzen hinweg. In Zusammenarbeit mit dem Senioren-Begegnungszentrum Dresden-Neustadt gibt es einen moderierten Gesprächsraum für erwachsene Kinder, die sich mit dem Älterwerden ihrer Eltern und Themen wie Pflege oder Rollenwandel auseinandersetzen. Auch das Netzwerk „Neustadt(t)raum“ nutzt die Fläche, um über barrierearme und inklusive Kulturangebote zu diskutieren.
Dass dieses Konzept aufgeht, hat neuerdings bereits im vergangenen Jahr bewiesen. Von Juni bis Dezember 2025 belebten sie einen ungenutzten Bereich im Japanischen Palais – komplett ohne Budget, aber mit großem Erfolg. Durch unkonventionelle Formate wie eine eigene Strick-Ausstellung, Designmärkte und Kombinationen wie „Pilates & Art“ öffnete sich der Ort für völlig neue Zielgruppen, was sich nicht zuletzt in einer spürbar höheren Besucherfrequenz und einem ausverkauften Palais-Café zeigte.

Nachhaltigkeit und das Team hinter dem Projekt
Ein zentraler Baustein der Initiative ist der bewusste Umgang mit Ressourcen. Statt für die Zwischennutzung neue Materialien zu produzieren, nutzt das Team die vorhandenen Raumstrukturen, greift auf bestehendes Mobiliar zurück und arbeitet eng mit Materialkreisläufen wie dem Depot von „nytt“ zusammen.
Hinter dem Projekt steht ein dreiköpfiges Team, das die nötigen Kompetenzen für moderne Stadtentwicklung bündelt. Anna Weiß bringt ihre Erfahrung aus der Immobilienwirtschaft und dem Community-Management ein. Sie kümmert sich um die Kommunikation sowie die Betreuung der Akteure vor Ort. Luise Thiem verantwortet als Kommunikationsdesignerin die visuelle Gestaltung, die Videoproduktion und die Dokumentation der Ergebnisse. Der Geograph Lorenz Köhler bringt fundierte Erfahrung aus der Stadtentwicklung mit und steuert die Konzeption, die wissenschaftliche Evaluation und den Wissenstransfer.
Wir verstehen Leerstand nicht als Problem, sondern als Möglichkeit. Mit ‚neuerdings‘ schaffen wir Räume, die Menschen zusammenbringen und neue Formen der Nutzung erproben.
neuerdings

Ein Modell mit Zukunftspotenzial
Die aktuelle Testphase läuft bewusst ergebnisoffen und orientiert sich an den realen Bedürfnissen der Menschen vor Ort. Das Ziel ist es, herauszufinden, wie die Neustädter Markthalle langfristig als lebendiger, offener Ort für die Stadtgesellschaft etabliert werden kann.
Auch wenn die finale Entwicklung letztlich in den Händen der Eigentümer liegt, versteht neuerdings ihr Modell als flexiblen Werkzeugkasten. Sie wollen praktische Wege aufzeigen, wie verlassene Räume in den Innenstädten wieder mit Leben gefüllt werden können – ein Ansatz, der durchaus auch als Vorbild für andere Städte dienen kann.
Wer nun selbst neugierig geworden ist, sollte in den kommenden Wochen unbedingt im Obergeschoss vorbeischauen und den frischen Wind hautnah miterleben. Über aktuelle Veranstaltungen erfahrt ihr über die Instagram-Seite von neuerdings.