Wohl kein Chor in Dresden ist so berühmt wie der Dresdner Kreuzchor. Mit seinen nationalen und internationalen Tourneen sowie dem jährlichen Adventskonzert ist der Chor vielen hier gut bekannt. Doch nicht nur ein weitläufiges Repertoire und makelloser Gesang, sondern auch die Leidenschaft und Freundschaft der jungen Sänger prägen diesen Chor seit Hunderten von Jahren.

Geschichte des Dresdner Kreuzchors
Ein kleiner Blick in die Geschichtsbücher zeigt uns, dass der Dresdner Kreuzchor eine lange, eng mit der Stadt verbundene Geschichte hat. Schon bei der Gründung der Stadt Dresden im Jahr 1216 gehört der Kreuzchor zur Dresdner Kreuzkirche und seit 1371 wird auch der Brauch der Vesper ununterbrochen gepflegt. 1539 wird die Kirche im Rahmen der Einführung der Reformation in Sachsen zur evangelischen Hauptkirche geweiht und auch an dieser geschichtsträchtigen Veranstaltung wirkt der Dresdner Kreuzchor mit. Im Jahr 1717 sangen die Chorknaben erstmals in einer Oper des italienischen Komponisten Antonio Lotti mit, heute wirken sie regelmäßig in Inszenierungen der Semperoper mit. Im Jahr 1920 reiste der Kreuzchor das erste Mal ins Ausland, nach Schweden. In den Folgejahren folgten vier erfolgreiche Tourneen durch die Niederlande. Nach der Bombardierung Dresdens führte der Kreuzchor in der ersten Vesper nach dem Krieg im August 1945 Rudolf Mauersbergers Werk „Wie liegt die Stadt so wüst“ auf, welches bis heute Bestandteil des Gedenkens an den 13. Februar 1945 ist. Nachdem der Chor 1971 in der DDR verstaatlicht wurde, kamen zur Wende viele Unsicherheiten auf. Doch der Kreuzchor blieb bestehen und feierte im Jahr 2016 sein 800-jähriges Jubiläum

Die Sänger des Dresdner Kreuzchors
Neben dem Kreuzkantor, einem der renommiertesten Ämter der evangelischen Kirchenmusik, in dem aktuell Martin Lehmann wirkt, sind die Kruzianer, also die Sänger, die bekanntesten Mitglieder des Kreuzchores. Die Knaben im Alter von 9 bis 19 Jahren sind nicht nur die Sänger, sondern auch das Herz des Chores. Sie leben zusammen im Alumnat und verbringen ihre Schul- und Freizeit zusammen. Auch jahrhundertealte Traditionen und Rituale, wie das gemeinsame Mittagessen oder das Singen vor den Mahlzeiten, zählen zum Alltag der Jungen.
Wir haben mit einem ehemaligen Kruzianer gesprochen, welcher jahrelang Mitglied des Dresdner Kreuzchores war und uns das Alltagsleben eines Sängers im Kreuzchor genauer geschildert hat:
„Unter der Woche ging es früh mit der Schule los, es gab ein gemeinschaftliches Mittagessen um 13:25 Uhr und dann teilte sich das alles ein bisschen mehr auf. Die einen hatten noch mehr Schule und andere mussten schon Hausaufgaben erledigen. Man hatte Stimmbildung, Klavierunterricht und Proben oder nutzte seine Freizeit zum Fußballspielen. Proben gab es so gut wie jeden Tag, aufgeteilt in Knabenchorproben und Männerchorproben sowie die Gesamtchorprobe, bei der alle anwesend waren. An einem typischen Wochenende hatten wir am Samstagnachmittag Proben für die Vesper, die am Abend folgte, und am Sonntagmorgen einen Gottesdienst.“

Täglich proben die Jungen mehrere Stunden. Ein Einsatz, der sich definitiv in der Gesangsqualität des Chores widerspiegelt. Hinzu kommen jährlich mehrere Tourneen im In- und Ausland und Auftritte in Dresden und Umgebung. Es ist unbestritten, dass die Kruzianer einen äußerst gefüllten Kalender vorzuweisen haben. Da die Jungen neben den Proben und den Auftritten auch noch zur Schule gehen und ganz normale Jugendliche sind, die sich mit ihren Freunden treffen oder auch mal feiern gehen wollen. Im Jahr 2017 gab es daher sogar einen offenen Brief, in welchem 96 ehemalige Kruzianer die Kritik übten, dass die Chorknaben „zunehmend durch sängerische Aufgaben abseits des Kerngeschäfts überfordert“ werden würden. Ursprung des Ganzen war der Ausschluss von fünf Abiturienten von der jährlichen Sommerreise, da sie einige wichtige Proben nicht besucht hätten. Infolgedessen blieben einige weitere Abiturienten aus Solidarität ebenfalls zu Hause. Einige Tage später wurde der offene Brief mit 96 Unterschriften ehemaliger Kruzianer veröffentlicht. Sie stellen die Frage, inwiefern Termine in Salzburg oder St. Petersburg das Kerngeschäft, also die geistliche Musik, zu sehr beeinflussen. Schon in den Jahren zuvor hätten die externen Termine des Chores immer weiter zugenommen. Dies hatte zur Folge, dass „keine ausreichenden Ruhezeiten mehr zwischen chorischen Veranstaltungen eingehalten werden können“. Einige Jungs hätten infolgedessen auch das Abitur nicht bestanden, wären sitzen geblieben oder hätten aufgehört. Als Antwort auf den Brief bekräftigte der damalige Kreuzkantor Kreile, dass dies Einzelfälle seien und in Zukunft solche Situationen vermieden werden sollten. Auf die Frage, ob es schwierig war, als Jugendlicher Schule, Privatleben und Kreuzchor parallel zu meistern, antwortet der Kruzianer:
„Wenn man sich zu diesem Zeitpunkt in der Situation befindet, tut man sich schon ab und zu schwer, all das gleichzeitig zu bewältigen. Gerade wenn man durch Tourneen mal zwei Wochen nicht in der Schule war und es mehrere Tests oder Klausuren nachzuschreiben gilt, ist das Leben eines Kruzianers nicht das einfachste.“
Trotzdem blickt er mit einem Lächeln im Gesicht auf die Zeit im Kreuzchor zurück, auf die engen Freundschaften, die er im Chor geknüpft hat und bis heute pflegt, auf die Traditionen und Rituale und auf das Leben in einer Gemeinschaft, in der
„man sich kennt und sich nicht verstecken muss. Eine Gemeinschaft, die sich wie eine Familie anfühlt und der man sich vertrauen kann“,

wie der ehemalige Kruzianer es beschreibt. Zum Schluss unseres Gesprächs betont er noch:
„Der Chor hat mich insofern geprägt, dass es mir möglich war, ein musikalisches Verständnis zu entwickeln, welches weit über die Kreuzchorzeit hinaus erhalten bleibt. Auch wenn man nicht aktiv weiter in einem Chor weitersingt, nach dem Dresdner Kreuzchor, behält man diese Liebe zur Musik. Ich persönlich spiele weiterhin auch gern Klavier, obwohl ich nicht in einem Chor oder Ensemble mitsinge.“
Zu Weihnachten hört sich der einstige Kruzianer auch nach wie vor die Weihnachtslieder-Aufnahmen des Kreuzchores an.

Das Gespräch hat uns gezeigt, dass der Kreuzchor eine lebenslange, enge und liebevolle Gemeinschaft ist, die weit über die Proben und Auftritte hinausgeht. Der Kreuzchor ist mehr als ein Chor, er ist eine zweite Familie für die Jungen. Und auch für die Stadt Dresden ist der Kreuzchor von großer Bedeutung, er ist nicht nur Kulturbotschafter für die Landeshauptstadt sondern prägt auch maßgeblich die Kulturlandschaft im Freistaat, in der heutigen Zeit, sowie in der Vergangenheit. Die Kreuzkirche, in der der Chor die meisten seiner heimischen Konzerte, sowie die Sonntagsgottesdienste und Vespern singt, befindet sich direkt am Altmarkt und prägt seit Jahrhunderten die Silhouette der Landeshauptstadt Dresden.

Wer neugierig geworden ist und es jetzt nicht mehr erwarten kann, die Jungen vom Dresdner Kreuzchor live und in Farbe zu erleben, findet auf der Website immer die Termine zu den aktuellen Auftritten des Dresdner Kreuzchores. Eine persönliche Empfehlung ist das Große Adventskonzert im Rudolf-Harbig-Stadion am 18.12.2025. Hier singt der Dresdner Kreuzchor zusammen mit den Dresdner Kapellknaben, den Oh-Tönen, dem MDR-Kinderchor und Gastsänger*innen Weihnachtslieder aus aller Welt in Begleitung des Cross Bell Orchestras. Ein wahrlich zauberhaftes Konzert.
Tickets zu den Konzerten des Dresdner Kreuzchores könnt ihr entweder direkt an der Konzertkasse in der Kreuzkirche oder auch online erwerben.
Der Kreuzchor hat eine lange Tradition in Dresden. Er prägt die Kulturlandschaft der Stadt seit Hunderten von Jahren und wird dies auch noch viele weitere Jahre tun. Der Chor ist aber nicht nur für die Stadt, sondern auch für die jungen Sänger von großer Bedeutung. Er ist ihre zweite Familie und prägt sie nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich, ein Leben lang.
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