Wer kennt es nicht: Draußen regnet es in Strömen und man selbst liegt drinnen auf dem Sofa – oder, um mal ganz aktuell zu bleiben: Ein Schneesturm weht vor dem Fenster. Wenn in dem Moment dann eine Freundin fragt, ob man etwas unternehmen will, ist die Antwort meist: „Ja, definitiv, aber was?“ Ein Spaziergang im Park? Schau mal aus dem Fenster! Spontan irgendwohin fahren? Zu aufwendig und zu teuer. Ins Kino? Aber wir wollen uns ja unterhalten … Irgendwann einigt man sich dann meist auf das Unausweichliche: Kaffee und Kuchen.

Das Wiederaufleben der Cafékultur
Derzeit werden Stimmen lauter, dass sogenannte „Third Places“ („dritte Orte“), ein Konzept, welches von dem amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg entwickelt wurde und eine soziale Umgebung unabhängig der ersten beiden Orte (Zuhause und Arbeit) darstellt, immer mehr wegfallen. Allerdings wird ein Treffen für Kaffee und Kuchen in der jungen Generation aktuell immer beliebter. Aber warum? Warum gehen immer mehr junge Leute am Nachmittag zum Kaffeetrinken aus, als am Abend in den Club? Warum ist dieses Verhalten, welches bis vor einigen Jahren noch mit der älteren Generation und Langeweile assoziiert wurde, heute im Trend? Zum einen ist es wohl wichtig festzuhalten, dass Trends sich natürlich ändern und mit der Zeit gehen, aber sie reflektieren auch immer eine Generation, ein Ideal, einen Lebensstil.

Sich für Kaffee und Kuchen treffen ist an sich nicht das Ereignis. Den Kaffee könnte man viel günstiger zuhause machen und auch das Stück Kuchen gibt es preislich angenehmer beim Bäcker nebenan. Doch Kaffee und Kuchen sind bei diesen Treffen nur ein kleiner Teil der Bedeutung, die Rahmenbedingungen sozusagen. Viel wichtiger ist der Kern. Denn wer sich zum Kaffeetrinken trifft, trifft sich zum Plaudern, zum Austausch, zum Pflegen sozialer Kontakte. Zeit zu verbringen mit Menschen, die wir gern haben, mit ihnen zu reden, sei es, um den neusten Gossip auszutauschen oder um auch einfach mal die Seele auszuschütten, macht uns glücklicher. Es lässt uns beinahe spürbar leichter fühlen. Das Treffen für Kaffee und Kuchen macht genau das möglich. In den meisten Cafés kriegst du ein Getränk und ein Stück Kuchen für etwa 10€. Ein vergleichbar kleiner Preis für einen Nachmittag, der unsere Stimmung womöglich für die ganze Woche oben hält. Natürlich könnte man auch am Telefon reden oder, wie schon erwähnt, einfach zuhause. Günstiger wäre es allemal. Aber da kommen wir zurück auf die sogenannten dritten Orte. Diese Orte sind per Definition ein offener und neutraler Ort für viele Menschen verschiedener Generationen, ohne Dresscode oder große Erwartungen und zum Treffen, Reden und Verknüpfen. Oftmals gibt es auch eine typische Kerngruppe an Besuchern, so wie viele ihr Lieblingscafé haben, auf das sie dann doch wieder zurückgreifen, auch wenn sie bereits das zehnte Mal gesagt haben: „Aber beim nächsten Mal probieren wir was anderes aus.“, weil diese Orte uns wohlfühlen lassen. Sie geben uns ein Gefühl von Heimat und Ruhe außerhalb der eigenen vier Wände. Und das ist wichtig, denn egal wie sehr man sein Zuhause liebt, irgendwann möchte man auch mal raus. Die Meinungen und Erklärungen, warum diese dritten Orte vom Aussterben bedroht sind, sind unterschiedlich. Für einige sind es die steigenden Kosten, für andere sind es große Konzerne, welche kleine Betriebe aus dem Geschäft drängen, für wieder andere ist es die Pandemie.

Und auch wenn ich unterschreiben würde, dass es weniger dritte Orte gibt, so denke ich, dass das Bedürfnis danach nach wie vor groß ist. Menschen wollen sich treffen, sie wollen quatschen, sie wollen sich kennenlernen und Erfahrungen austauschen. Wir sind keine Einzelgänger. Und die Kultur des Kaffeetrinkens holt genau das Schritt für Schritt zurück. Ja, man trifft, vor allem in der Großstadt, weniger junge Menschen in Kneipen, wobei man argumentieren könnte, dass die Bars in der Neustadt diese Kultur auch wieder aufleben lassen, aber das ist ein Thema für ein anderes Mal. Doch das heißt nicht, dass junge Menschen nicht das Bedürfnis nach Gemeinschaft und dem lockeren Austausch haben. Genau das zeigt das Wiederaufleben der Cafékultur.

Die Geschichte der Dresdner und ihrer Kaffeehäuser
Vor einigen Monaten bin ich mit einer Freundin aus Berlin, welche Dresden besucht hat, in ein Café gegangen. Natürlich für Kaffee und Kuchen. Daraufhin meinte sie ironisch: „Jetzt bin ich ja ein richtiger Kaffeesachse.“ Es war das erste Mal, dass ich diesen Begriff überhaupt gehört habe. „Na, weil die Sachsen ihren Kaffee doch so lieben.“, hat sie mir dann belustigt erklärt. Und nach einer kleinen Recherche kann ich sagen: Sie hatte Recht, zumindest im Sinne der Wortherkunft. Die Kursachsen sorgten im 18. und 19. Jahrhundert dafür, dass neben Tee und Schokolade auch der Kaffee in Sachsen beliebt wurde. Und so wurde der Begriff, welcher sich sogar im Wörterbuch der Brüder Grimm befindet, durch die Kursachsen populär. Laut dem deutschen Patentamt wurde im frühen 20. Jahrhundert sogar der Kaffeefilter in Dresden erfunden. Melitta Bentz hatte den Kaffeesatz am Boden ihrer Tasse und den damit einhergehenden Nachgeschmack schlichtweg satt und tüftelte herum, bis ihr mithilfe des Löschpapiers aus dem Schulheft ihres Sohnes der erste moderne Kaffeefilter gelang.

Zurück zur Cafékultur und ihrer Geschichte in Dresden. Kaffee war ein teures und prestigeträchtiges Getränk. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Sachsen jedoch der führende Wirtschaftsstandort auf den deutschen Gebieten. Daher konnten sich mehr Leute das feine Getränk leisten. Das von Dinglinger für August den Starken gefertigte „Goldene Kaffeezeug“ sowie die schicken Tassen aus Meißner Porzellan zum Kaffeetrinken erlangten schnell Prestige und Ruhm. Doch damit war auch der Spott nicht weit. Neben dem Begriff „Kaffeesachse“ wurde auch das Motto „Ohne Gaffee gönn mer nich gämpfn!“, welches sich angeblich auf Aussagen sächsischer Soldaten im Siebenjährigen Krieg bezieht, zum Aushängeschild für die genüssliche Vorliebe der Sachsen. Doch auch noch so viel Spott konnte ihnen ihre Liebe zum heißen Getränk nicht nehmen. So schnell sie in den Genuss von Kaffee kamen, so schnell kamen sie auch in den Genuss von Cafés und Kaffeehäusern. Teils wurde aus dem Besuch ein ganzer Tagesausflug. Und vor allem unter der feineren Gesellschaft war das Motto stets auch „sehen und gesehen werden“. Wer ins Kaffeehaus ging, wusste, dass ein falsches Kleid oder auch eine falsche Begleitung das Gespräch der Stadt werden konnte. Auch Klatsch und Tratsch wurden damals wie heute am besten im Kaffeehaus ausgetauscht. So gibt es eine schöne Anekdote aus der „Picardie“, einer Wirtschaft mit frisch gebrühtem Kaffee, gelobtem Kakao und Kuchen im Großen Garten: Jeden Tag kamen ein Vater und seine Tochter, beide großgewachsene Menschen schnellen Schrittes, in die Picardie. Sie bestellten zwei Tassen Kaffee und zwei Buttersemmeln. Jeden Tages das Gleiche. Im Gegensatz zum Großteil der anderen Gäste waren die zwei kaum in ein Gespräch verwickelt. Mit der Zeit stellte sich raus, dass der Vater stotterte. Als ein Komiker am Hoftheater ihn eines Tages nachahmte, wusste jeder, wer gemeint war. Diese Geschichte zog sich dann sogar vor Gericht, wo es zu einer „gütlichen Einigung“ kam. Die beiden gingen auch weiter in die Picardie, bis sie eines Tages mit unbekanntem Ziel Dresden verließen. Und obwohl vielleicht bei dem einen oder anderen ein schlechtes Gewissen zurückblieb, konnte man nirgendwo besser über diese Ereignisse tratschen als im Kaffeehaus.

Was aus den beiden geworden ist, werden wir wohl nie erfahren. Aber was wir an dieser Geschichte glasklar sehen können, ist, dass Kaffeehäuser und die Tradition des Treffens für Kaffee und Kuchen eine lange Tradition in Dresden haben. Ob das Motto „sehen und gesehen werden“ heute noch an der Tagesordnung steht? Darüber lässt sich streiten. Sicherlich holt man für den Cafébesuch nicht mehr das schönste Kleid aus dem Schrank, aber auch wenige gehen in Jogginghose und zerrissenem T-Shirt ins Café. Doch gestern wie heute wird definitiv der neueste Klatsch und Tratsch im Café ausgetauscht. Meist nach einem schnellen Umschauen im Café, nicht dass die Person, um die es gleich geht, hinter einem steht. Das soll schon zu so mancher peinlichen Situation geführt haben. Aber ist es nun Trend oder Tradition? Ich würde sagen, es ist beides. Eine jahrhundertelange Tradition, welche wiederbelebt wird, weil wir Menschen damals wie heute nichts verlockender finden als eine Gemeinschaft, ein gutes Heißgetränk, ein leckeres Stück Kuchen und ein Gespräch mit unseren Freunden. Kaffee und Kuchen ist eine großartige Möglichkeit, um für einen vergleichsweise kleinen monetären Preis ein schönes Erlebnis zu haben, welches sich außerhalb vom Alltag anfühlt.

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