30 Rollen, drei Kabarettisten und ein ziemlich fragwürdiges WG-Zimmer: Mit „9m² – 800 kalt“ ist die Herkuleskeule für den Sommer in das Gewächshaus von Gartenbau Rülcker gezogen. Ich war bei der Premiere – und habe vermutlich ähnlich viel gelacht wie geschwitzt.
Kabarett zwischen Blumen und Palmen
Normalerweise spielt die Herkuleskeule im angenehm kühlen Kabarettkeller des Dresdner Kulturpalastes. Für die neue Sommerkomödie wurde dieser jedoch kurzerhand gegen ein Gewächshaus in Dresden-Strehlen eingetauscht.
Zugegeben: In der ersten Hälfte war es bei meinem Besuch zwischen Blumen und Palmen schon ziemlich warm. Eben Gewächshaus. Aber das hat der Stimmung keinen Abbruch getan. Spätestens als auf der Bühne das große WG-Casting begann, war die Hitze ohnehin Nebensache.

Foto: Philipp Schaller
Wer zahlt bitte 800 Euro für neun Quadratmeter?
Im Mittelpunkt von „9m² – 800 kalt“ steht eine Wohngemeinschaft, die ein freies Zimmer vergeben möchte. Neun Quadratmeter für 800 Euro kalt – klingt absurd, ist angesichts des heutigen Wohnungsmarktes aber leider nicht vollkommen unrealistisch.
Also wird gecastet. Und was sich dabei vorstellt, ist eine ziemlich wilde Mischung aus skurrilen Figuren, politischen Spitzen und Menschen, bei denen man vielleicht doch lieber weitersuchen würde.
In den gut zweieinhalb Stunden schlüpfen Beate Laaß, Johanna Mucha und Jens Eulenberger in rund 30 verschiedene Rollen. Teilweise wechseln die Figuren so schnell, dass man sich ernsthaft fragt, wann die drei überhaupt Zeit zum Umziehen haben.

Drei Kabarettisten, rund 30 Rollen
Beate Laaß, Johanna Mucha und Jens Eulenberger beweisen an diesem Abend, dass sie nicht nur im kühlen Kabarettkeller, sondern auch im warmen Gewächshaus abliefern können.
Besonders beeindruckt hat mich Beate Laaß als Lehrerin. Zu Beginn ist diese Frau so unsympathisch, dass man ihr vermutlich nicht einmal freiwillig einen Stift leihen würde. Dann hält sie jedoch einen Monolog, der plötzlich eine ganz andere Seite der Figur zeigt. Auf einmal wird aus der unangenehmen Lehrerin ein Mensch, dem man mit vollem Herzen zustimmen möchte.
Genau solche Momente machen das Stück für mich besonders. Man lacht über eine Figur und wird kurz darauf dazu gebracht, noch einmal genauer hinzusehen.

Vom schüchternen Mike bis zu Friedrich Merz
Auch Jens Eulenberger springt mühelos zwischen vollkommen unterschiedlichen Charakteren hin und her. Gerade noch steht er als liebenswerter und schüchterner Mike auf der Bühne. Wenig später taucht er als Unteroffizier der Bundeswehr auf – und irgendwann sogar als Bundeskanzler Friedrich Merz.
Der bekommt, sagen wir es mal so, ordentlich sein Fett weg.
Überhaupt ist an diesem Abend niemand wirklich sicher. Politik, Bundeswehr, soziale Medien, Altersarmut, Erziehung und gesellschaftliche Selbstdarstellung: Das Stück verteilt seine Spitzen in sämtliche Richtungen. Und genau das tut ihm gut.
Auch Johanna Mucha bleibt mit ihrer überdrehten Influencerin im Gedächtnis. Die Figur ist laut, musikalisch und herrlich anstrengend – hält einem aber gleichzeitig ziemlich deutlich vor Augen, wie viel Lebenszeit wir täglich auf unseren Smartphones versenken.

Erst lachen, dann kurz schlucken
„9m² – 800 kalt“ ist keine harmlose Sommerunterhaltung, bei der man zweieinhalb Stunden lang gemütlich vor sich hin schmunzelt. Natürlich wird viel gelacht. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie oft ich an diesem Abend losprusten musste.
Aber manche Pointen bleiben einem ein wenig im Hals stecken.
Wenn es um soziale Kürzungen, Altersarmut oder die Forderung geht, Deutschland müsse wieder „kriegstüchtig“ werden, wird aus dem schnellen Spaß plötzlich bitterböses politisches Kabarett. Manche Figuren sind völlig überzeichnet und wirken trotzdem unangenehm vertraut.
Hier bekommt wirklich jeder sein Fett weg. Parteien, politische Lager und gesellschaftliche Gruppen werden dabei nicht fein säuberlich in gut und böse sortiert. Stattdessen wird in alle Richtungen ausgeteilt. Genau so darf und soll Kabarett für mich sein.

Foto: Philipp Schaller
Auch musikalisch hat der Abend einiges zu bieten
Begleitet wird das Ensemble von Jens Wagner und Volker Fiebig. Die beiden sorgen als Keule-Band dafür, dass die zahlreichen Rollenwechsel und Szenen auch musikalisch ordentlich Fahrt aufnehmen.
Zu hören sind unter anderem Stücke von den Toten Hosen, Felix Meyer und Anna Mateur. Besonders Johanna Mucha kann dabei einmal mehr zeigen, was sie gesanglich draufhat. Die Musik wirkt nicht wie eine kleine Zugabe zwischen den Szenen, sondern gehört fest zum Tempo und zur Erzählweise des Stücks.
Entwickelt und auf die Bühne gebracht wurde die Sommerkomödie vom Geschwisterpaar Philipp und Ellen Schaller. Philipp Schaller schrieb das Stück, Ellen Schaller führte Regie. Gemeinsam ist ihnen eine Kabarettkomödie gelungen, die schnell, aktuell und an den richtigen Stellen unangenehm ist.

Foto: Philipp Schaller
Mein Fazit zur neuen Sommerkomödie
„9m² – 800 kalt“ hat mich wirklich gut unterhalten. Die drei Kabarettisten wechseln in einem beeindruckenden Tempo zwischen Figuren, Stimmen und vollkommen unterschiedlichen Charakteren. Trotzdem bleibt neben all den Pointen noch genügend Raum für Momente, die zum Nachdenken anregen.
Ja, in der ersten Hälfte war es im Gewächshaus ziemlich heiß. Aber der Abend hat sich allemal gelohnt. Wer politisches Kabarett mag, bei dem nicht nur über die jeweils „anderen“ gelacht wird, sollte sich die neue Sommerkomödie ansehen.
Das Stück läuft noch bis Ende August im Gewächshaus von Gartenbau Rülcker in Dresden-Strehlen. Danach zieht „9m² – 800 kalt“ in den Kabarettkeller der Herkuleskeule ein. Termine und Tickets findest du direkt auf der Website der Herkuleskeule.