10 Fragen an einen Sozialarbeiter aus Dresden

SozialarbeiterInnen und StreetworkerInnen gibt es in vielen Groß- und Kleinstädten. Doch häufig nehmen wir diesen doch so wichtigen Beruf nicht oder nur sehr beiläufig wahr. Was gibt es in unserer Stadt für soziale Projekte, was sind die Aufgaben des Streesworks und warum hat das Berufsfeld einen großen Einfluss auf unser gesellschaftliches Zusammenleben?

Stephan Passow, Streetworker bei der Treberhilfe Dresden e.V., nahm sich die Zeit uns 10 Fragen rund um seinen Job zu beantworten.

Stephan Passow mit Dackeldame Ida | Foto: Reiko Fitzke
Stephan Passow mit Dackeldame Ida | Foto: Reiko Fitzke

1. Für welchen Träger arbeitest du, was macht dein Träger alles und was sind deine speziellen Aufgabenbereiche?

Ich arbeite bei der Treberhilfe Dresden e.V., wir sind mal ziemlich klein – dafür aber mit einem sehr großen Bus – gestartet (Bus Jumbo)! Der Bus war eine mobile Anlaufstelle, die stadtweit im Einsatz für Jugendliche und junge Erwachsene war und hatte z.B. eine Dusche, ein Arztzimmer und eine Waschmaschine. Mittlerweile haben wir Streetwork-Projekte in Altstadt, Johannstadt, Gorbitz, Löbtau, Cossebaude und Gompitz.

Ein großer Bereich sind auch Hilfen zur Erziehung – bei denen KollegInnen im Auftrag des Jugendamtes in den Familien tätig sind. Der Abenteuerspielplatz Panama in der Neustadt befindet sich auch in unserer Trägerschaft. Auch betreiben wir gemeinsam mit der AWO in Gorbitz die JobBörse, welche Jugendliche und junge Erwachsene bei der Jobsuche unterstützt und das jüngste Projekt ist die Straßenschule Dresden in der niedrigschwellig auf eine Schulfremdenprüfung vorbereitet wird.
Das sind eine Vielzahl an Projekten – welche durch Studierende und Ehrenamtliche unterstützt werden. Dieses Engagement ist uns wichtig und spiegelt auch die Wurzeln meines Trägers wieder.

Wir haben viele Schnittstellen, so dass wir sehr passgenau im Sinne der AdressatInnen Unterstützung anbieten können. Mein Job ist Mobile Jugendarbeit/Streetwork, im Dresdner-Westen und ich kümmere mich noch um die IT des Trägers.

 

2. In welchem/n Stadtgebiet/en bist du tätig und was für Probleme begegnen dir hier häufig?

Vorwiegend arbeite ich in Dresden-Gorbitz und das sehr gern, da ich den Stadtteil und seine BewohnerInnen sehr schätze. Auch wenn das Bild nach außen manchmal ein anderes ist.

Als Sozialarbeiter gibt es viele Herausforderungen im Stadtteil: Es geht von A, wie Alkohol über L, wie Liebeskummer bis hin zu Z, wie Zwangsräumung. Darüber hinaus unterstützen wir AnwohnerInnen im Gemeinwesen und betreiben z.B. mit ehrenamtlichen HelferInnen auf dem Hagebuttenweg eine Kleiderkammertauschbörse in Gorbitz, in der Kinder- und auch Erwachsenenkleidung getauscht werden kann.

 

3. Wie sieht ein Arbeitstag bei dir aus?

Es gibt eine grundlegende Wochenstruktur mit Öffnungszeiten, Streetworkrunden und Gruppenangeboten. Gleichzeitig ist die Arbeit in einem sehr stark adressatInnenorientierten Arbeitsfeld, wie dem Streetwork, sehr flexibel und nicht jeder Tag gleich. Störungen, Notlagen und die Arbeit mit einzelnen AdressatInnen haben meist Vorrang. Darin besteht auch der Reiz – mitunter nicht zu wissen, was einen am kommenden Arbeitstag erwartet. Nachmittags bzw. abends bin ich dann mit meinem Team mobil, zu Fuß oder mit dem Kleintransporter im Stadtteil aufsuchend unterwegs und nehme Kontakt zu Cliquen auf oder intensiviere den Kontakt und die Beziehung zu Einzelnen, um so auch Vertrauen zu schaffen. Mit Vertrauen öffnen sich junge Menschen, es werden Probleme erzählt und Lösungen gesucht. Anschließend findet eine gemeinsame Reflexion statt. Das ist wichtig, damit wir die Sorgen der Menschen nicht mit nach Hause nehmen und sich die Arbeit auch weiterentwickelt.

Weitere Teile meiner Arbeitszeit sind auch Fachgremien und Arbeitsgruppen zur Abstimmung der sozialpädagogischen Arbeit im Stadtteil. Eine Team-Dienstberatung gibt es natürlich auch.

 

4. Was macht dir am meisten Spaß in deinem Job?

Die Vielseitigkeit. Neben zahlreichen sozialpädagogischen Fragestellungen und Interventionen kann ich z.B. zeigen, wie ein Schrank in der ersten Wohnung aufgebaut wird, einen Graffiti-Workshop organisieren und unterstützen die richtigen Formulierungen bei einem Behördenbrief zu finden. Es ist nicht unüblich, dass dies alles an einem Tag stattfindet. Ein gutes Team hilft beim Bewältigen der unterschiedlichen Aufgaben – die Zusammenarbeit mit KollegInnen macht auch sehr viel Spaß.

 

5. Häufig arbeitet man in dem Bereich projektorientiert. Welche Projekte liegen dir besonders am Herzen?

In Gorbitz liegen mir Initiativen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen am Herzen. Hier können sie zeigen, was sie können und wo ihre Stärken liegen. Dadurch entsteht oft ein Dialog zwischen den Generationen und die Selbstwirksamkeit, das Gefühl mitgestalten zu können, von jungen Menschen wird so gestärkt. Wir haben z.B. sehr gutes Feedback aus der Bevölkerung bekommen, als sich bei einer legalen Graffiti-Aktion die jungen KünstlerInnen am Merianplatz dem Thema Metamorphose gewidmet haben – noch heute erklären manche Eltern ihren Kindern die Details während sie auf die Bahn warten.

 

6. Wie gut ist Dresden im Bereich Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen aufgestellt und wo siehst du Verbesserungspotenzial oder Unterstützungsbedarf?

Natürlich finde ich, dass es immer zu wenig Mobile Jugendarbeit/Streetwork gibt – meist wenn große Probleme im öffentlichen Raum auftreten, wird verstärkt danach verlangt. Dann ist es oft zu spät, bis die Mobile Jugendarbeit Kontakte geknüpft hat und erste Prozesse laufen, vergeht immer zu viel Zeit. Auch gab es in vielen Arbeitsfeldern ein unterschiedliches Verständnis von z.B. Inklusion, Beteiligung, Prävention oder Sozialraumorientierung – da wurde in den letzten Jahren ein gemeinsames Verständnis mithilfe der Landeshauptstadt Dresden erarbeitet. Durch Jugendhilfeplanung und durch die von der Stadt initiierten Planungskonferenzen gibt es eine bessere Abstimmung der einzelnen Projekte und Bedarfe werden benannt.
Mit mehr Personal im Arbeitsfeld Streetwork/Mobile Jugendarbeit können Übergänge für und mit AdressatInnen geschaffen werden. Beispielsweise aus der Schulverweigerung zur Ausbildung oder auch von der „Straßenkarriere“ hin zu einem selbstbestimmten, gemeinwohlorientierten Lebensentwurf.
Mobile Jugendarbeit/Streetwork bietet dabei einen niedrigschwelligen Zugang und ist Motivationsarbeit.

 

7. Soziale Arbeit ist auf Fördermittel angewiesen und bedarf auch sicherlich eines großen bürokratischen Anteils. Was würdest du dir für dich, deinen Träger, aber auch für andere Einrichtungen von der Stadt Dresden wünschen?

Bei meinem Träger gibt es eine Geschäftsstelle, die unserem Team diesbezüglich gut den Rücken freihält. So können wir uns stärker auf unsere eigentliche sozialpädagogische Arbeit konzentrieren.

Weiterhin ist Soziale Arbeit auf Drittmittel angewiesen und muss mindestens 10 Prozent an Eigenmittel aufbringen.  Dabei sind oft nur die Kommunen für die strukturelle Finanzierung verantwortlich, während Bund, Länder und Stiftungen meist lediglich mittels befristeter Projektgelder fördern. Umlagen für die Administration werden zunehmend eingespart. Zudem ist der Aufwand im Antrag sowie die Abrechnung oft sehr hoch.

Gerade kleinere Projekte oder Arbeitsfelder, wie Hilfen zur Erziehung, könnten von einer höheren Geschäftsstellenumlage profitieren, da dann z.B. Mietkosten für „Vor-Ort Büros“, die den AdressatInnen zu Gute kommen, übernommen werden könnten.

Auch die Abrechnung kann von Mitarbeitenden mit entsprechenden buchhalterischen Kenntnissen effizienter erledigt werden als von SozialarbeiterInnen, die keine Zusatzausbildung in Sozialmanagement haben.

 

8. Was hat dich dazu bewogen Sozialarbeiter/Streetworker zu werden und als was würdest du heute arbeiten, wenn du dich nicht dafür entschieden hättest?

Ich bin schon immer sehr interessiert an Biografien und habe mir sehr früh die Frage gestellt, wie ich in Biografien Spuren in Form von guten Erinnerungen hinterlassen kann. Dies hat mich dazu bewogen Lehramt zu studieren. Durch ein Praktikum im Studium habe ich die Treberhilfe Dresden kennengelernt und bin als Ehrenamtlicher, später als Honorarkraft, dabei geblieben. Nach dem Studium konnte man in Sachsen leider nur schwer einen Platz für das Referendariat ergattern. In ein anderes Bundesland wollte ich nicht. Es gab nach einem Fachkräfteanerkennungsverfahren die Möglichkeit bei der Treberhilfe Dresden zu bleiben und ein Streetwork-Projekt in Dresden-Gorbitz, das wir als Träger übernommen haben, fortzuführen. Das hat mich schon sehr interessiert. Lehrer werden hat also nicht geklappt und soziale Arbeit war damals spannender als in der Schule zu sein.

 

9. Was würdest du InteressentInnen raten, die gern als SozialarbeiterIn arbeiten möchten? Worauf muss man sich einstellen, wie findet man den passenden Träger, etc.?

Zunächst ist etwas Lebenserfahrung nicht schlecht und eine bewusste Entscheidung für diesen Beruf. Wer sich unsicher ist, kann Praktika bei unterschiedlichen Trägern bzw. in verschiedenen Arbeitsfeldern absolvieren und das Gespräch mit den KollegInnen suchen. „Wo hast du studiert?“, „Warum machst Du den Job?“, „Was war deine Motivation?“ sind gute Fragen und diese kann man meistens nach ein paar Wochen stellen. Weiterhin empfehle ich im Studium schon eine Methode der Gesprächsführung bzw. Haltung zu erlernen und zu entwickeln, wie beispielsweise motivierende Gesprächsführung, gewaltfreie Kommunikation oder eine systemische Ausbildung. Dies hilft sehr beim Jobeinstieg. Gleichzeitig denke ich, dass auch die Studienzeit zum Erwerb von Theoriewissen sehr wertvoll ist. Praxis hat man noch ein ganzes Arbeitsleben lang.

 

10. Unsere letzte Frage ist an alle unsere Interviewpartner dieselbe: Warum ist Dresden deine Wahlheimat, was gefällt dir an Dresden besonders?

Ehrlich gesagt habe ich keinen Vergleich zu einer anderen großen Stadt. Ich bin mit 18 Jahren nach Dresden gekommen und mag es, weil es nah an meiner Heimat der Oberlausitz liegt und ich hier sehr viele Möglichkeiten hatte zu lernen, zu studieren und mich auszuprobieren. Jetzt mag ich es in einem Viertel mit netter Nachbarschaft zu Wohnen und interessante Menschen kennenzulernen. Mittlerweile freue ich mich auch über den Schrebergarten, den ich gemeinsam mit Freunden bewirtschafte. Auch dafür bin ich dankbar in dieser Stadt zu leben.

10 Fragen an einen Sozialarbeiter aus Dresden.Stephan Passow.Abenteuerspielplatz Panama
Foto: Archiv des Treberhilfe Dresden e.V. | Archiv des ASP PANAMA

Wir bedanken uns herzlich für Stephan für seine Zeit und den spannenden Einblick in das Berufsfeld eines Streetworkers in Dresden. Ein interessantes und wichtiges Arbeitsfeld, das als Anlaufstation für Hilfesuchende, durch vertrauensvolle und engagierte MitarbeiterInnen und mit vielen kreativen und lehrreichen Projekten für Kinder und Jugendliche dazu beiträgt das Sozialleben unserer Stadt nachhaltig zu fördern.

 

Ihr möchtet euch in der Jugendarbeit engagieren?

Ob durch Sach- oder Geldspenden, als Vereinsmitglied oder ein Engagement als Ehrenamtliche/r – hier findet ihr alles Wissenswerte:

Website: Treberhilfe Dresden e.V.

Mailadresse: info@treberhilfe-dresden.de

Spenden: Hier findet ihr mehr Infos!

Mitgliedschaft: Hier findet ihr die Möglichkeiten einer Mitgliedschaft.

Unser Tipp: Besucht doch mal den Abenteuerspielplatz Panama in der Dresdner Neustadt.

 

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