Foto von Matthias Horn

Eine Bühne mit und für die Dresdner: Die Bürgerbühne

Sicher kennt jeder von euch die Semperoper oder den Theaterkahn.
Aber kennt ihr auch die Bürgerbühne im kleinen Haus des Staatsschauspiel Dresden? Wir haben dazu mit einer der Darstellerinnen Anastasiya Stukanova aus dem Stück „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ ein Interview geführt.

Das kleine Haus befindet sich nahe des Albertplatzes in Dresden, auf der Glacisstraße 28.
Das Theater ist in ca 5 Minuten vom Albertplatz aus zu erreichen.

Die besten Verbindung findest du hier!

Im kleinen Haus des Staatsschauspiel Dresden befindet sich die Bürgerbühne
Die Bürgerbühne befindet sich im Staatsschauspiel Dresden Kleines Haus

Die Bürgerbühne führt seit 2009 die verschiedensten Stücke auf, in welchen die Bürger und Bürgerinnen der Stadt Dresden komplett in das Geschehen integriert werden. Bisher sind es bereits an die 2500 Dresdner und Dresdnerinnen, die im kleinen Haus auf der Bürgerbühne spielten. Jeder aus Dresden der sich schauspielerisch begabt fühlt, kann sich für ein Theaterstück melden um an diesen mitzuwirken. Schauspielkenntnisse sind dafür nicht erforderlich. Nach einem Casting wird entschieden wer für das Stück geeignet ist. Die Bürgerbühne führt alle Gruppierungen der Stadt Dresden zusammen und stellt sich den verschiedensten Problemstellungen. Es wird sich den klassischen, aber auch den aktuellsten Themen schauspielerisch gewidmet. Besonderes Augenmerk liegt auch darauf, dass in den aufgeführten Stücken Personen mitwirken, welche die behandelte Thematik selbst erlebt haben. So können sie ihre eigenen Erlebnisse erzählen und diesen mitunter auch in dem Theaterstück eine Szene widmen.
Die Idee und Gründung der Bürgerbühne war für viele weitere Städte ein Anlass, ein ähnliches Konzept einzuführen. Den Bürgern und Bürgerinnen wurden in ihren Heimatstädten Bühnen geschaffen, wo sie ihre Geschichten schauspielerisch wiedergeben können.

Interview mit Anastasiya Stukanova

Anastasiya Stukanova. Eine der Darstellerinnen in „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ – Foto von Matthias Horn

Würdest du dich kurz vorstellen?

Okay, kurz? Ich werde mich mit 3 Worten beschreiben: kindisch, warm wie der norwegische Pullover und abenteuerlustig.

Woher stammst du, wo bist du aufgewachsen?

Mein Land befindet sich im Zentrum Europas, obwohl es nicht zu den EU- Ländern gehört, genauer gesagt, die Ukraine. Aufgewachsen bin ich in einer für die ukrainischen Verhältnisse kleinen Stadt, mit dem Namen Drohobytsch. Sie hat eine Bevölkerungszahl von 80.000 Einwohnern. Bekannt ist sie vor allem für die Salzbergwerke, das Erdöl, meinen Nachbarn Jaroslav Popovic den besten jungen Fahrradfahrer der Tour de France 2005, den polnischen Schriftsteller Bruno Schulz und vielen mehr. Meine Eltern kümmerten sich um vielfältige Entwicklungswege für ihre Kinder. Ich habe noch eine ein Jahr ältere Schwester und einen drei Jahre jüngeren Bruder. Zusammen mit meiner Schwester besuchte ich 8 Jahre lang, einmal wöchentlich, die Kinderkunstschule und gleichzeitig auch die Akrobatikschule, welche für ihre gute Qualität bekannt war. Dazu wünschten sich unsere Eltern das wir in der Schule gute Leistungen erbringen, da meine Mutter und mein Vater und viele weitere Verwandten in der Schule oder Uni arbeiteten.

Was führte dich nach Deutschland, speziell nach Dresden?

Ich wollte die Ukraine verlassen und bin jetzt in Deutschland angekommen. Ich könnte natürlich in der Ukraine, nach meinem Masterstudium in Germanistik, an einer Schule oder sogar an der Uni unterrichten, aber diese Perspektive war für mich unattraktiv. Trotz der Größe ist meine Stadt sehr provinziell und bietet wenig Kulturleben. Intelligenz verlässt die Stadt, leider. Viele Bekannte der Familie sind nach Deutschland ausgereist und erzählten uns über das Land mit seinen vielen Perspektiven. Im Alter von 21 Jahren habe ich meine Eltern und Freunde verlassen und bin nach Süddeutschland als Au-pair gereist. In Dresden bin ich jetzt seit zwei Jahren, ich studiere, mache Kunstausstellungen und arbeite hier.

Wie bist du zur Schauspielerei gekommen?

Meine Mathematiklehrerin sagte mal meiner Mutter „Nastja hat eine analytische Denkweise“. Bis heute lachen wir noch darüber. Stimmt überhaupt nicht. Alles was mit den Zahlen und rationalen Bedingungen verbunden ist, fällt mir schwer. Ich hatte zwar immer gute Noten in der Schule und an der Uni, aber nur in den Bereichen die mit Phantasie, Experimenten und ausprobieren verbunden waren und das machte mich glücklich. Um Ausgleich zum Alltag in Dresden zu finden, habe ich im Casting für das Stück „Secondhand- Zeit“ teilgenommen und bin von dem Theaterteam als Schauspielerin für das Stück ausgewählt worden. Ich bin zwar auf der Bühne als Kind und Teenager mit den Akrobatikperformances und sportlicher Gymnastik aufgetreten, aber mein Auftritt war nur mit der Körperaktivität verbunden. Ich wollte jetzt was neues ausprobieren.

Hast du Schauspielerei studiert?

Nein.

Wie lange bist du als Schauspielerin tätig?

Ausgehend von dem Shakespeares Zitat „Das Leben ist Theater und Leute sind Schauspieler“, das ganze Leben. Um zu konkretisieren – seit August 2016, ungefähr.

An wie vielen Stücken hast du bisher teilgenommen?

„Seconhand-Zeit“ ist mein erstes Stück und hoffentlich nicht das letzte. Ich bin sehr stolz das wir, die Schauspieler des Stücks, bei dem fast alle aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kommen, die Möglichkeit bekommen haben, auf der Bühne zu stehen und teilweise unsere eigene Geschichte erzählen zu können. Damit steigt das Selbstbewusstsein und auch der Stolz für das Land aus dem ich komme, wo ich aufgewachsen bin, für meine Sprache, für meine Mentalität. Viele Einheimische unterschätzen Leute, die vor allem aus Drittländern kommen. Viele unserer Schauspieler haben zwei, eine hat sogar drei Hochschulabschlüsse und das obwohl sie noch sehr jung ist. Unter uns sind Lehrer, Doktoranden, eine Dokumentarfilmemacherin, Studenten, ein Manager und auch ein Schüler. Ich finde es klasse auf Augenhöhe mit meinen deutschen Mitmenschen zu stehen.

Was ist die größte Herausforderung bei einem Theaterstück für dich?

Den Bezug zur meiner Figur zu finden und auch mein Verhältnis zu ihr. Am Anfang konnte ich nichts mit meiner Figur/ Figuren anfangen. Der Text lag mir auf der Zunge, aber die emotionale Ebene zu meiner Rolle war noch nicht da. Vor allem fand ich die Figur der Kommunistin schwer. Ich konnte zwar ihre Sorgen und ihre Enttäuschung nachvollziehen, aber mich komplett in sie hineinzuversetzen, war für mich nicht einfach. Ich arbeite immer noch daran.
Während des Theaterstückes finde ich die Herausforderung in der Haltung der Spannung, des Enthusiasmus und dem Wunsch dem Publikum die Geschichte zu erzählen und ihre Herzen zu erreichen. Vor allem wenn man schon mehrere Male gespielt hat, vermindert sich die Aufregung und es ist wichtig sich als einzelne Person und auch als Gruppe zu motivieren, die Spannung weiter zwischen uns, den Schauspielern und dem Publikum zu halten und die Leute mit den Geschichten zu berühren.

Verspürst du manchmal Lampenfieber vor einem Auftritt? Wie gehst du damit um?

Ja, mein Herz schlägt sehr heftig, vor allem am Anfang der Vorstellung. Meine Freundin im Theaterstück und im Leben hilft mir damit umzugehen. Wir sind beide nervös, aber dann schauen wir uns gegenseitig an, halten die Hände, nicken einander zu, sagen nichts und dann rückt das Lampenfieber in den Hintergrund.

Möchtest du „Secondhand-Zeit“ kurz vorstellen?

[Anastasiya lacht] es gibt noch Restkarten an der Abendkasse. Ich will nicht den Zuschauern die Möglichkeit wegnehmen sich einen eigenen Eindruck von dem Stück zu machen, wie viele Menschen, so viele Geschichten, so viele Erfahrungen. Nicht mit allen Erfahrungen aus dem Buch von Svitlana Alexijewitsch komme ich zurecht, aber das Schauspiel bietet eine perfekte Möglichkeit mit den Menschen nach der Vorstellung ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen, sich auszudrücken, Meinungen zu hören und andere Kulturen kennenzulernen. Wir leben jetzt in Deutschland, wir haben uns hier assimiliert, aber man darf seine eigene Wurzeln, sein eigenes Land und seine eigene Geschichte nicht vergessen.

Warum ausgerechnet dieses Stück? Was bedeutet es für dich?

Ich bin sehr glücklich, dass ich in dem Stück spiele. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt und neue Freunde gefunden und wieder das Heimatgefühl in Dresden bekommen. Es ist sehr wichtig sich treu zu bleiben und nicht zu vergessen woher man kommt. Es ist schön mit Freunden, die auch Ihre Heimat verlassen haben, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, deine Sorgen und deine Probleme verstehen, zusammen zu kommen. Solche Leute zu kennen und sich mit Ihnen auszutauschen ist ein Schatz. Das Heimatgefühl zu bekommen ist nicht einfach.

Was macht die Bürgerbühne für dich zu einem besonderen Theater?

Am Anfang haben wir uns einmal wöchentlich gesehen für die Auseinandersetzung mit dem Text und auch mit unseren eigenen Erinnerungen oder der Erinnerungen unserer Eltern über die Zeit in der UdSSR. Der Regisseur hat sehr auf jeden einzelnen geachtet, auf den Charakter, auf das Verhältnis zu der Zeit und wir konnten unsere eigene Geschichte erzählen.

Was macht Dresden für dich zu einer einzigartigen, besonderen Stadt?

Ich liebe Städte am Wasser und am besten nicht weit weg von den Bergen. Ich bin im Karpatengebiet aufgewachsen und war sehr viel wandern gewesen. Städte am Wasser sind sehr attraktiv für mich. Vorher war es die Isar, jetzt die Elbe. Wenn es warm ist, fahre ich mit dem Rad die Elbe entlang, kilometerlang, schaue mir die Weinschlösser an, die Natur. Dresden ist eine sehr grüne Stadt und auch sehr philosophisch.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview wurde geführt von Danny Hermann.

Foto von Matthias Horn

Für das Stück „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“
gibt es noch zwei Auftritte, welche am 18.05.2017 und am 23.05.2017 um je 20.00 Uhr stattfinden.

An dieser Stelle ein Danke an das Staatsschauspiel Dresden für das zur Verfügung gestellte Fotomaterial.

Wenn du dir nun auch gerne das Stück anschauen möchtest oder Interesse hast, gar selbst mal in einem Stück teilzunehmen, dann schaue gerne bei dem Staatsschauspiel Dresden Kleines Haus vorbei.

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